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Warum Bayern die Champions League gewinnt

Spitzguuge
Am Sonntag kommt es im Finale der Champions League (21 Uhr, live bei 3+) zum Kräftemessen zweier Teams, welche die ganze Saison über mit Offensivfussball glänzten. «PSG ist zwar auf Augenhöhe, aber am Ende gewinnen die Bayern», meint Sportjournalist Dominic Ledergerber.
Publiziert am Sa 22. Aug 2020 12:10 Uhr
© Imago/Frank Hoermann/Sven Simon
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Um eines vorweg zu nehmen: Ich bin weder Bayern-Fan, noch drücke ich dem Scheich-Klub aus Paris die Daumen. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass sich am Sonntagabend im Champions-League-Finale von Lissabon der deutsche Rekordmeister durchsetzen wird – obwohl PSG den Bayern auf Augenhöhe begegnen und den Münchnern auf ihrem Weg zum sechsten Henkelpott alles abverlangen wird.

Beide in Topform...

Die beiden Kontrahenten haben zuletzt beeindruckende Siegesserien in allen Pflichtspielen hingelegt, sowohl die Bayern (20 Siege) als auch PSG (8) befinden sich in absoluter Topform. Die französische Ligue 1 wurde nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie als einzige der europäischen Topligen bereits im April abgebrochen, insofern hatte PSG am meisten Zeit, sich auf den Endspurt in der Königsklasse vorzubereiten. Ein Vorteil gegenüber den Bayern ist dies nicht unbedingt, schliesslich ging die Saison auch in der deutschen Bundesliga bereits Ende Juni zu Ende, mit dem Team von Hansi Flick als Meister und DFB-Pokal-Sieger. Überhaupt sind die Deutschen im Kalenderjahr 2020 noch unbesiegt, aus 25 Spielen resultierten 24 Siege, nur RB Leipzig rang den Bayern in diesem Jahr ein 0:0-Unentschieden ab.

...und offensiv hochkarätig

Jenes 0:0 im Februar blieb bis heute das letzte Spiel der Münchener ohne eigenen Torerfolg. Besonders in den letzten fünf Pflichtspielen ballerten Lewandowski und Co. das Runde unglaubliche 23 Mal ins Eckige, alleine acht Treffer erzielten sie im Viertelfinale gegen Barça (8:2). Die Bayern sind also offensiv hochkarätig besetzt und brandgefährlich. Und PSG? Mindestens genauso! Der NDM-Dreizack bestehend aus Neymar, Di Maria und Mbappé zeichnet sich diese Saison schon für 61 Tore verantwortlich, was mit ein Grund dafür ist, dass Mauro Icardi im Kader von Thomas Tuchel nur Edel(st)joker ist.

Leichte Vorteile haben die Bayern hingegen im Mittelfeld. Mit dem Brasilianer Thiago verfügen die Deutschen über den derzeit vielleicht besten Sechser der Welt, während bei PSG mit Marquinhos ein gelernter Innenverteidiger im defensiven Mittelfeld agiert.

Fragezeichen in der Abwehr

In der Abwehr gibt es für beide Mannschaften nicht die Bestnote. PSG-Captain Thiago Silva (35) spürt im Abwehrzentrum den Zahn der Zeit, sein Copain Presnel Kimpembe (25) ist immer mal wieder für einen Patzer gut. In der Bayern-Defensive ist vieles davon abhängig, wie viel die Muskulatur von Abwehrchef Jérome Boateng (31) mitmacht – im Halbfinal gegen Lyon musste er zur Pause raus –, und ob Hansi Flick den beispiellosen Offensivdrang seines Aussenverteidigers Alphonso Davies (19) zugunsten von mehr defensiver Stabilität bändigen kann.

Auf der Position des Torhüters liegen die Vorteile aber wieder bei den Bayern. Manuel Neuer (34) will nach 2013 seine zweite Champions League gewinnen und spielt vielleicht seine letzte Saison als unbestrittene Nummer eins der Bayern, da man auf die kommende Saison hin das Riesentalent Alexander Nübel (23) vom FC Schalke 04 verpflichtet hat. PSG hingegen muss im Tor wohl auf den dreifachen CL-Sieger Keylor Navas verzichten, den noch immer eine Verletzung aus dem Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo (2:1) plagt. Seinem Back-up Sergio Rico (26) könnten im Champions-League-Finale noch die Nerven flattern.

PSG hat mehr Stars, Bayern mehr Mannschaft

Den einzigen augenscheinlichen Vorteil hat Paris Saint-Germain in der Ansammlung an Stars: Mit Neymar und Mbappé spielen zwei der weltweit absolut besten Stürmer an der Seine. Dazu kommen weitere klingende Namen wie Thiago Silva, Marco Verratti, Julian Draxler, Mauro Icardi oder Angel Di Maria. Dem PSG-Sammelsurium an Superstars stellen die Bayern ein absolut intaktes Team-Gefüge entgegen, in dem Spieler wie Lewandowski, Kimmich oder Davies ebenfalls auf Weltklasse-Niveau spielen, ohne dabei aber den Teamgeist zu vernachlässigen. So hat PSG zwar mehr Stars, Bayern aber mehr Mannschaft, was von entscheidender Bedeutung sein könnte.

Darüber hinaus steht PSG-Trainer Thomas Tuchel weit mehr unter Druck als Hansi Flick bei den Bayern. Tuchel ist in Paris nie geliebt worden und er weiss, dass ihn sein katarischer Boss Nasser Al-Khelaifi nur am Gewinn des Henkelpotts messen wird, während Trainer-Neuling Flick die Erwartungen an ihn mit dem Double-Gewinn und dem souveränen Einzug ins Endspiel der Königsklasse längst übertroffen hat.

Hungrig auf den Leckerbissen

Appetit auf den Henkelpott bringen die beiden Kontrahenten reichlich mit: Die Bayern schielen auf ihr erstes Triple seit 2013, nachdem sie in der Vorsaison gegen den späteren Champion Liverpool schon im Achtelfinale die Segel streichen mussten. Und PSG möchte die Champions League zum allerersten Mal in seiner Club-Geschichte gewinnen, zuletzt waren die Pariser dreimal in Folge in der Runde der letzten 16 Teams rausgeflogen.

Am Sonntagabend ist der FC Bayern München ganz leicht zu favorisieren, doch auch für PSG ist alles möglich, wenn die Tuchel-Truppe einen perfekten Tag erwischt. Und ich muss zugeben: Auch wenn mir die beiden Teams nicht sonderlich nahestehen, so bin auch ich hungrig auf diesen Leckerbissen im Estadio da Luz.

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