SportFussballVillarreal, Union Berlin, Luis Suárez: Es gibt sie noch, die Fussballmärchen

Villarreal, Union Berlin, Luis Suárez: Es gibt sie noch, die Fussballmärchen

Spitzguuge
Mit dem verlorenen Cupfinal hat die Woche aus Ostschweizer Sicht schlecht begonnen. Überhaupt erlebt der Fussball raue Zeiten, wenn sich die Grossen schon überlegen, sich in einer europäischen Super League abzukapseln. «Trotzdem gibt es noch Gänsehautmomente, die für die geschundene Seele des Fussballromantikers Balsam sind», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.
Publiziert am Do 27. Mai 2021 11:00 Uhr
© Keystone
- 456117378_highres

Es waren wohltuende Bilder, die uns am Mittwoch aus Danzig erreichten: Fussball vor Zuschauern, mit Hochspannung bis zum 22. und letzten Penalty, und mit einem Sieg für den Underdog aus Villarreal. Was die Mannschaft aus dem 50’000-Einwohner-Städtchen nahe Valencia gegen das hochdotierte Manchester United ablieferte, war schlicht beeindruckend.

Albiol, Parejo, Moreno gegen De Gea, Pogba und Cavani – das gelbe U-Boot zeigte, was mit einer klaren Spielidee und dem nötigen Siegeshunger möglich ist.

Villarreal stand in seiner bald 100-jährigen Clubgeschichte erstmals in einem Europapokalfinale und gewann dieses dank viel Leidenschaft am Ende nicht unverdient. Der Sieg der Spanier gegen die United war ein weiterer Beleg dafür, dass es in der für Fussballromantiker rauen Zeit noch Gänsehautmomente gibt.

Die Anreize der Conference League

Genauso wie Fussballmärchen. Ein solches schrieb kürzlich der einstige FCSG-Captain Urs Fischer mit Union Berlin. 2019 nach 30-jähriger Absenz in die oberste Liga zurück gekehrt, qualifizierten sich «die Eisernen» unter ihrem Zürcher Trainer für die neugeschaffene Conference League – vor Champions-League-Achtelfinalist Mönchengladbach, mit weniger Niederlagen als Dortmund und Gegentoren als Bayern München.

In Europas neuer dritten Liga, in der man wohl auch den einen oder anderen Schweizer Vertreter antreffen wird, spielen ab August Hochkaräter wie Tottenham Hotspur oder die AS Roma. Und auch finanziell bietet die Conference League durchaus Anreize: So winken für Vize-Meister Basel, den Dritten Servette und Cupsieger Luzern alleine durch das Erreichen der Gruppenphase Millionenbeträge.

Die Tränen des Beissers

Standesgemäss in der Champions League antreten wird hingegen Atlético Madrid. Als spanischer Meister. Und mit dem inzwischen 34-jährigen Luis Suárez. Der Stürmer aus Uruguay, der in der Vergangenheit immer mal wieder mit Beissattacken von sich reden machte, zeigte sich im Stadion von Ronaldo-Club Real Valladolid von seiner sensiblen Seite.

Mit seinem 21. Saisontor hatte er El Atléti zum elften Meistertitel der Clubgeschichte geführt – zwei Punkte vor Real Madrid und gar sieben Zähler vor Ex-Club Barcelona. Die Renaissance nach dem unrühmlichen Abgang aus Katalonien war wohl der Grund für die hemmungslosen Tränen im Anschluss an den entscheidenden 2:1-Auswärtssieg über Valladolid.

Nach jeweils vier Meistertiteln und Cupsiegen, dem Gewinn der Champions League von 2015 und insgesamt 195 Toren (!) hatte Barça Suárez im vergangenen Sommer vom Hof gejagt. Atlético Madrid schlug für nur fünf Millionen Euro zu – da fliesst ja sogar in der Conference League mehr Geld! – und wurde für diese Investition mit der Meisterschaft belohnt.

Luzern verdienter Cupsieger

Ein märchenhaftes Ende nahm diese sonderbare Saison 2020/2021 auch für den FC Luzern, der sich am Pfingstmontag verdient zum Cupsieger krönte. Auch wenn sich der FC St.Gallen zum wiederholten Male zu Recht an Schiedsrichterfehlern aufrieb (ein übersehenes Abseits ist IMMER eine klare Fehlentscheidung), lag es nicht an den Unparteiischen, dass der Cupfinal mit 1:3 verloren ging.

Das viele Ungemach, nicht zuletzt mit dem VAR, vermag aber nicht auszublenden, dass die Mannschaft von Peter Zeidler nach schwerwiegenden Abgängen immerhin die Liga einigermassen souverän halten konnte. Sie wird mit ihrem jugendlichen, charmanten und offensiven Fussball auch in der kommenden Spielzeit versuchen, die Grossen zu ärgern und darf berechtigterweise darauf hoffen, dass die Unparteiischen ihre Lehren aus den Fehlern dieser Saison gezogen haben.

Träumen mit der Nati

Bis dahin gilt: Daumen drücken für die Schweizer Nati. Nach einer verkürzten, dafür umso intensiveren Saison, erstaunt es, dass nicht mehr Spieler auf diese EM zwischen Sevilla und Baku verzichten. Handkehrum: Wenn Andres Ambühl für die «Eisgenossen» schon seine 16. WM spielt, will man sich als Fussballer ja auch nicht lumpen lassen...

Überhaupt hat die Mannschaft von Vladimir Petkovic Grosses vor. Die Mannschaft ist eingespielt, hochkarätig besetzt und sie wagt, zu träumen – sogar vom Europameistertitel. Vor den Gruppenspielen gegen Wales, Italien und die Türkei darf man immerhin noch träumen.

Und nach einer sonderbaren Saison, in der sich die Superreichen überlegten, sich in einer europäischen Super League abzukapseln, ist der Beleg, dass es noch Fussballmärchen noch gibt, vielleicht alles, was es braucht – um weiter gross zu träumen.

    #Spitzguuge
© FM1Today