SportFussballSo wird das Fussballjahr 2020 (mit Bestimmtheit nicht)

So wird das Fussballjahr 2020 (mit Bestimmtheit nicht)

Spitzguuge
St.Gallen wird zum dritten Mal Schweizer Meister und die Schweiz stösst ins EM-Finale vor. Oder kommt doch alles ganz anders? Sportjournalist Dominic Ledergerber wagt zwei ganz unterschiedliche und nicht ganz ernst gemeinte Prognosen für das Fussballjahr 2020.
Publiziert am Mi 8. Jan 2020 16:26 Uhr
© Keystone
- Bejubeln die Espen 2020 ihren dritten Meistertitel?

Frohes neues Fussballjahr! Im kalten Januar ist noch kaum abzuschätzen, in welche Richtung die Reise für den FC St.Gallen in der Super League oder für die Schweizer Nationalmannschaft an der Europameisterschaft gehen wird. Ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt: Folgende Szenarien könnten im jeweils besten oder schlimmsten Fall eintreffen:

Best Case: «Die Nummer eins der Schweiz sind wir»

Was für eine Rückrunde des FC St.Gallen! Gleich zum Auftakt am 26. Januar fegt die Zeidler-Elf den FC Lugano mit 7:0 vom Platz. Und das ist erst der Auftakt: Dank einer Siegesserie lassen die Espen die Konkurrenz bald einmal weit hinter sich. Die jungen Wilden sind noch wilder als in der Vorrunde, dazu haben sie an Reife gewonnen. «Die Nummer eins der Schweiz sind wir», singen die Fans erst zum dritten Mal in der Klubgeschichte. An der vorgezogenen Meisterfeier platzt der St.Galler Marktplatz aus allen Nähten, genauso wie an den Heimspielen der Kybunpark, der nach der Gala gegen Lugano stets ausverkauft ist. Und: Mit Jordi Quintillà ist erstmals seit Scarione 2013 wieder ein Mittelfeldspieler Torschützenkönig der Super League.

Der Spanier wird in der Folge heftig vom grossen FC Barcelona umworben, gibt seinem Ausbildungsklub aber einen Korb. «Champions League spielen kann ich auch mit St.Gallen», sagt Quintillà in einwandfreiem Ostschweizer Akzent. Und tatsächlich: Im Spätsommer erreicht die Mannschaft von Peter Zeidler erstmals in der Klubgeschichte die Königsklasse.

© Keystone
- Jordi Quintillà

Worst Case: Das Ende der heiligen Dreifaltigkeit

Den ersten grossen Knall gibt es bereits vor dem Rückrundenstart: Alain Sutter erliegt dem Ruf der grossen Fussballbühne und wird Sportchef bei Arsenal. Während die Gunners nach einer verkorksten Vorrunde fortan vom feinen Näschen Sutters profitieren können, erwischt der FC St.Gallen einen Kaltstart in die Rückrunde und verliert das erste Spiel gegen Lugano mit 0:1. Denn nicht nur Sutter ist nicht mehr da: Basel und YB verstärken sich in der Winterpause mit den Stürmern Itten respektive Babić, vom offensiven Dreizack ist nur noch Demirović übriggeblieben (Leihvertrag bis im Sommer).

21 Punkte Vorsprung weist der FCSG zu Beginn der Rückrunde auf den Barrage-Platz auf – diese schmelzen dahin wie Schnee in der Frühlingssonne, die verbliebenen Leistungsträger sind gedanklich schon weg. Genauso wie Peter Zeidler, der nach einem Disput mit Präsident Matthias Hüppi noch vor Saisonende entlassen wird.

Die Euphorie aus der Vorrunde ist wie weggeblasen, von der heiligen Dreifaltigkeit Hüppi-Sutter-Zeidler bleibt nur noch der Präsident übrig. In der Barrage gegen GC steht Matthias Hüppi selber an der Seitenlinie. Nach dem Abstieg tritt auch er zurück und erklärt, dass er sich in Zukunft nur noch der Zucht von Hochlandrindern widmen will. «Do hesch weniger Lämpä», sagt Hüppi.

Best Case: Finale, oooh!

Der Auftakt gegen Wales verläuft durchzogen, erst in der Nachspielzeit trifft Haris Seferović zum erlösenden 1:1. In Rom aber werden die Italiener zu Statisten degradiert (2:0) und auch die Türken können den Schweizer Gruppensieg nicht mehr verhindern (4:1). Danach spielt sich die Mannschaft von Vladimir Petković in einen veritablen Rausch: Im Achtelfinale gewinnt sie das Nachbarduell gegen Österreich diskussionslos mit 3:0, Xherdan Shaqiri gelingt dabei ein lupenreiner Hattrick. Im Viertelfinale werden die Belgier – wie schon in der Nations League – mit 5:2 rausgekegelt, im Halbfinale werfen die Schweizer ebenso sensationell Weltmeister Frankreich raus.

© Keystone
- Schweizer Fussballfans auf Wolke 7

Es kommt zum Finale in London gegen England, Baschi schreibt einen neuen Nati-Hit, in aller Munde ist hingegen auch die Nationalhymne, die vor dem Endspiel von allen Spielern inbrünstig gesungen wird. In der grossen Versöhnung zwischen Fans und Mannschaft gibt es kaum Misstöne. Nur Greta Thunberg ist alles andere als angetan vom Schweizer Helden-Epos: Baku, Rom, Baku, London, München und wieder London. Die Anführerin der Klimabewegung droht der Nati: «We will not let you get away with this.»

Worst Case: Der grosse Graben

Wer dachte, die Stimmung zwischen Fans und Mannschaft sei schon an der WM 2018 in Russland auf dem Tiefpunkt angelangt, wird an der Fussball-EM in diesem Sommer eines Besseren belehrt. Weil Lichtsteiner und Xhaka kurz vor dem Turnier verletzt ausfallen, führt Yann Sommer die Mannschaft als Captain auf den Platz – Xherdan Shaqiri quittiert dies mit einem Lustlos-Auftritt, die Startpleite gegen Wales ist Tatsache.

Der Auftritt gegen Italien? Ein Schicksalsspiel! Doch die Unruhen innerhalb des Teams stehen einer konzentrierten Leistung im Weg, nach der zweiten Niederlage im zweiten Spiel ist die EM für die Schweizer schon gelaufen.

Der Tiefpunkt ist indes noch immer nicht erreicht. Vor dem dritten Gruppenspiel gegen die Türkei verkündet Trainer Vladimir Petković öffentlich seinen Rücktritt. Der Schweizerische Fussballverband dementiert Gerüchte, wonach ein angedrohter Spielerstreik die Ursache dafür sei. In der Not werden Bernhard Heusler und Georg Heitz ins Schweizer Quartier eingeflogen, doch der Schaden ist nicht mehr zu kitten.

Der grosse Graben zwischen Fans und Mannschaft ist noch grösser geworden, das SRF verzichtet auf die Übertragung des letzten Schweizer Gruppenspiels und zeigt stattdessen noch einmal alle 20 Matchbälle von Roger Federers Grand-Slam-Triumphen.

    #FC St.Gallen#Spitzguuge#Fussballnati
© FM1Today