SportFussballMagisches St.Gallen: 9:9 Tore, 12:3 Punkte

Magisches St.Gallen: 9:9 Tore, 12:3 Punkte

Super League
Mathematiker und andere Aussenstehende könnten auf Idee kommen, dass der FC St.Gallen zaubern kann. Wie kann eine Mannschaft in fünf Spielen aus 9:9 Toren 12:3 Punkte herausholen?
Publiziert am So 5. Jul 2020 21:20 Uhr
© KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER
- Wie viel kann Peter Zeidler aus seinen jungen Spielern noch herauskitzeln?

Es hat nichts mit magischen Fähigkeiten zu tun. Vielmehr attestieren die erstaunlichen Zahlen einer blutjungen Mannschaft eine ebenso erstaunliche Reife, die sie zum ersten Meistertitel seit 20 Jahren führen könnte.

Das Geheimnis um die Zahlen ist schnell gelüftet. In der zweiten von fünf Runden seit der Wiederaufnahme der Super-League-Saison verloren die St.Galler zuhause gegen Zürich 0:4. Die weiteren vier Spiele gewannen sie mit einem Tor Differenz: 2:1 in Sitten, 3:2 gegen Thun, 2:1 in Neuenburg und zuletzt 2:1 gegen Sion daheim. Das alles ergibt die 9:9 Tore und die 12:3 Punkte.

War es Glück? Natürlich hätte Xamax in der Nachspielzeit zum 2:2 ausgleichen können. Aber Lukas Görtler kam um ein Eigentor herum. Latte ist auch daneben. Natürlich hätte der eingewechselte Sittener Stürmer Filip Stojilkovic im St.Galler Stadion nach 76 Minuten in bester Position das 2:2 erzielen können. Aber Lawrence Ati Zigi wehrte ab. Ein ausgezeichneter Torhüter gehört zu einer erfolgreichen Mannschaft und steht ihr gut an.

Je häufiger eine Mannschaft mit scheinbarem Glück gewinnt, desto eher sollte man sich fragen, ob es wirklich Glück ist. Oder ob nicht die Mannschaft so spielt, dass sie das, was vielleicht gar kein Glück ist, mit Leistungen auf ihre Seite bringt. In dieser Beziehung beweisen die St.Galler trotz ihrer Jugend die Reife einer routinierten Mannschaft.

Die Young Boys errangen in der Saison 2018/19, in der sie acht Runden vor Schluss als Meister feststanden, Minisiege am Stück. Noch früh in der Rückrunde, als der FC Basel trotz grossen Rückstands kleine Hoffnungen haben konnte aufzuholen, siegten die Berner in Lugano wie auch daheim gegen Sion 1:0. Die Tore fielen in der 95. und in der 92. Minute. Basels Trainer Marcel Koller verwarf in einer Medienkonferenz die Hände. Es sei unmöglich aufzuholen, wenn YB immer so spät drei Punkte hole. Am nachfolgenden Wochenende siegte YB beim nachmaligen Absteiger GC 1:0. Djibril Sow war der Torschütze – in der 96. Minute. Von dort weg gewannen die Young Boys noch viele Spiele. Aber nie mehr in der Nachspielzeit, sondern nicht selten mit hohen Ergebnissen.

Die St.Galler bekommen jetzt die Gelegenheit, wie damals YB zu normalen oder sogar souveränen Siegen zurückzukehren. Im Herbst errangen sie drei 4:1-Siege in Folge, nachdem sie andere Spiele 3:0 und 4:0 gewonnen hatten.

Man wird sehen, wie viel Trainer Peter Zeidler aus den jungen bis sehr jungen Spielern herausholen kann, bis sie vielleicht ermüden. Von den 13 Runden, die allesamt im Rhythmus englischer Wochen gespielt werden, ist noch nicht die Hälfte absolviert. Schon bis heute haben verschiedentlich Trainer ihren unersetzlichen Leistungsträgern Pausen gegönnt. Das letzte Beispiel lieferte Servette-Trainer Alain Geiger, der am Samstag seinen Schlüsselspieler Miroslav Stevanovic im Match beim FCZ 60 Minuten auf der Bank sitzen liess.

In Gerardo Seoanes Kader der Young Boys sind mehr Spieler vorhanden, die Stammkräfte jederzeit ersetzen können, als in Peter Zeidlers St.Galler Kader. Ob dieser Pluspunkt YB zum dritten Meistertitel in Serie verhelfen und St.Gallens ersten Meistertitel seit 2000 verhindern wird, werden wohl erst die Runden 31 bis 36 zeigen.

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