SportFCSGZum 20. Jahrestag des verrücktesten Fussballspiels

Zum 20. Jahrestag des verrücktesten Fussballspiels

Spitzguuge
4:4 – ein Resultat, das jeden FCSG-Fan sofort in die Meistersaison 1999/2000 zurückversetzt. Heute vor genau 20 Jahren ereignete sich im Zürcher Hardturm-Stadion Besonderes. Sportjournalist Dominic Ledergerber blickt zurück auf das Auswärtsspiel bei GC, das vielleicht verrückteste Schweizer Fussballspiel der Geschichte.
Publiziert am Di 10. Mär 2020 05:55 Uhr
© Keystone/Steffen Schmidt
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Es lief die 14. Minute, als das Festnetztelefon klingelte. Am anderen Ende war Balam, der hämisch in den Hörer lachte. «Seine» Grasshoppers waren an jenem Freitagabend am 10. März 2000 eben mit 3:0 in Führung gegangen. Hakan Yakin, Stéphane Chapuisat und Bernt Haas hatten St.Gallens Meisterträume zum Rückrundenstart schon vor Ablauf der ersten Viertelstunde fast zerstört. Balam sollte aber nicht der letzte sein, der lachte.

Sein Bruder Chilam und ich waren zarte 13 Jahre jung und eingefleischte FCSG-Fans. Alles war angerichtet für ein weiteres grosses Fussballfest, schliesslich hatten die Espen damals als Leader überwintert. Nun sassen wir auf dem Bett in meinem Kinderzimmer und starrten in den Röhrenfernseher, der Eistee gekühlt, die Packung Paprika-Chips geöffnet, FCSG-Schals und -Trikots in der Hand.

© zVg.
- Dominic (links) und Chilam schauen das 4:4 im TV.

Kein Gedanke an den Meistertitel

Und dann das! Zugegeben, Chilam und ich hatten bis dahin schon genügend FCSG-Spiele gesehen, um keinen Gedanken an den Meistertitel zu verschwenden. Und auch der Rest der Fussballschweiz war überzeugt, dass die Espen eher früher als später einbrechen würden. Stattdessen wollten wir den Platz an der Sonne nur so lange wie möglich geniessen. Die drei Gegentore waren dann aber schwere Kost – Balams Häme machte es auch nicht besser.

Doch die Spieler von Marcel Koller hatten bekanntlich etwas dagegen: Charles Amoah (32.), Ionel Gane (41.) und Jairo (45.+1) glichen das Geschehen noch vor der Pause aus, diesmal waren wir es, die hämisch in den Telefonhörer lachten und uns diebisch darüber freuten, dass die zweite Halbzeit wieder bei Null beginnen würde.

Das Spiel zwischen GC und dem FC St.Gallen war nach dem Seitenwechsel zwar weniger spektakulär, dafür aber ausgeglichen und spannend bis zum Schluss. Wieder jubelte Balam lautstark, als Ricardo Cabanas in der 91. Minute das vermeintliche Siegestor für den Rekordmeister erzielte. Doch wieder hatten die Espen eine Antwort parat: Charles Amoah, der später Torschützenkönig werden sollte, schrieb in der 95. Minute das letzte Kapitel im vielleicht verrücktesten Schweizer Fussballspiel. 4:4 – kurze Zeit später ertönte der Schlusspfiff, Chilam und ich sollten jedoch vergeblich darauf warten, dass Balam das Telefon noch einmal abnimmt.

Amoahs 4:4 im Video:

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@ SRF

Hier die Spielzusammenfassung (Start bei 8:19):

Und heute?

Noch immer sind sich Experten einig, dass jenes Auswärtsspiel im März 2000 den Grundstein legte für St.Gallens zweiten Meistertitel in der Klubgeschichte. Doch heute ist die Diskussion, ob der FCSG Meister werden kann, in den Hintergrund gerückt. Das Coronavirus hat die Schweizer Meisterschaft lahmgelegt, am Freitag will der Bundesrat informieren, ob er das Veranstaltungsverbot aufhebt oder verlängert. Und dann wird auch die Liga sagen können, wie die Meisterschaft zu Ende gebracht werden soll.

Derzeit geistern zahlreiche Szenarien durch den Blätterwald: Meisterschaft ohne Meister abbrechen, den Wintermeister zum Meister machen, die aktuelle Tabelle werten – wie man es dreht und wendet, jedes Szenario findet auch mindestens einen Klub, der damit nicht einverstanden ist. So wie zum Beispiel Geisterspiele, die für Klubs wie Thun oder Xamax den finanziellen Ruin bedeuten würden.

Erinnerung wird nie verblassen

Und nicht nur die Super League ist betroffen, auch die Champions League und die Fussball-EM sind gefährdet, genauso wie die Eishockey-Playoffs, die WM im eigenen Land oder die Olympischen Sommerspiele in Tokio.

Wie wohltuend es sich da doch anfühlt, in alten Zeiten zu schwelgen und sich zu vergewissern, dass gewisse Dinge beständig sind. Chilam und Balam sind gute Kumpels geblieben. Chilam sympathisiert nun mit Arsenal, Balam besitzt, so weit ich weiss, kein GC-Trikot mehr. Und ich? Ich hätte heute vor 20 Jahren nie gedacht, dass ich unsere Geschichte zu diesem verrückte 4:4 einmal erzählen darf.

Fussball ist für mich zwar Beruf geworden und doch Leidenschaft geblieben. So mögen Röhrenfernseher und Festnetztelefone zwar allmählich verschwinden, meine Erinnerung an jenen Freitagabend im März 2000 wird jedoch nie verblassen.

    #FC St.Gallen#Spitzguuge
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