SportFCSGEine Fussball-Romanze in rauen Zeiten

Eine Fussball-Romanze in rauen Zeiten

Spitzguuge
Die Fortsetzung der Super League hängt an einem seidenen Faden, international ringt der Fussball nach der Begnadigung von Manchester City um Glaubwürdigkeit. «Und mitten in dieser rauen Zeit schreibt der FC St.Gallen sein eigenes Drehbuch, das zum Märchen werden kann», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber.
Publiziert am Fr 17. Jul 2020 11:40 Uhr
© Keystone
- zeidler

Zwischendurch ist es fast schon kitschig. Der 4:1-Heimsieg über Luzern ist für den FC St.Gallen der Höhepunkt einer weiteren, verrückten Woche, der viertletzten dieser so aussergewöhnlichen Saison. Einmal mehr beweisen die Espen, dass noch genug Benzin im Tank ist, um diesen jugendlich-forschen Angriffsfussball bis zum Ende durchzuziehen.

Wir sind mitten im Hochsommer 2020. Der FC St.Gallen greift nach dem dritten Meistertitel in seiner Clubgeschichte, seine Gegner sind indes nicht nur sportlicher Natur. Die Corona-Infektionen beim FC Zürch und Xamax haben den ohnehin schon engmaschigen Terminkalender weiter strapaziert, die Saison 2019/2020 droht täglich ein abruptes Ende zu nehmen, sollten weitere Fälle auftreten.

Dazu ringt der Fussball international um Glaubwürdigkeit. Am Montag wurde die zweijährige Europapokal-Sperre, welche die Uefa gegen Manchester City verhängt hatte, vom internationalen Sportgerichtshof (CAS) aufgehoben. Mit der Begründung, dass Verstösse gegen das Financial Fairplay entweder nicht nachgewiesen werden konnten oder bereits verjährt seien. Um den Absurditäten die Krone aufzusetzen, reagierten die «Skyblues» mit der Kampfansage, 165 Millionen Euro in neue Spieler zu investieren.

Gegen die Konventionen

Mitten in dieser Zeit schreibt der FC St.Gallen sein eigenes Drehbuch. Mit einem bescheidenem Budget von nicht einmal acht Millionen Franken bieten die Ostschweizer der nationalen Konkurrenz nicht nur die Stirn, sie liegen fünf Spieltage vor Saisonende immer noch vor YB und Basel an der Tabellenspitze. Stürmisch sind die Espen indes nicht nur auf dem Platz, die Woche bot auch Raum für stratosphärische Vertragsverlängerungen und Liebesbekundungen. Es ist eine Fussball-Romanze in rauen Zeiten.

Am Mittwoch hatte Präsident Matthias Hüppi verkündet, die Verträge von Trainer Peter Zeidler und Sportchef Alain Sutter vorzeitig bis 2025 zu verlängern. Dies, nachdem Zeidler immer wieder mit Bundesligist Hoffenheim in Verbindung gebracht und Sutter noch vor einem Jahr vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) umworben wurde.

«Wir sind uns bewusst, dass dieses Vorgehen ungewöhnlich ist. Aber wer sagt denn, dass man sich immer an die Konventionen halten muss?», fragte Hüppi an der vielbeachteten Pressekonferenz vor dem Luzern-Spiel rhetorisch in die Runde.

Nur der Verrat kann sie trennen

Die Copains Hüppi, Sutter und Zeidler haben sich selbst eine Wohlfühloase geschaffen, sie reiten auf einer kaum für möglich gehaltenen Erfolgswelle und zelebrieren das zwischenmenschliche Miteinander. «Ich freue mich jeden Tag, Peter Zeidler zu sehen», sagte etwa Sportchef Alain Sutter über seine Motivation, in St.Gallen zu verlängern, und gab zu verstehen, dass sein Commitment für die Arbeit in der Ostschweiz «mindestens» so lange dauere, wie sein neues Arbeitspapier gültig sei.

Auch Erfolgstrainer Zeidler, dieser Sympathieträger, den man gerne an sein Grillfest einladen würde, hat in seinem neuen Vertrag keine Ausstiegsklausel, etwa für die Bundesliga. Im modernen Fussball erscheint es naiv zu glauben, der 57-jährige Schwabe könnte tatsächlich bis im Sommer 2025 für den FC St.Gallen an der Seitenlinie stehen. Doch in diesem vielbemühten Bild der «grün-weissen Bewegung» (Zitat Hüppi) scheint selbst das nicht ausgeschlossen. St.Gallens heilige Dreifaltigkeit aus Präsident, Sportchef und Trainer erinnert manchmal an die berühmten Paten aus den Hollywood-Streifen, die Loyalität leben und die nur der Verrat an der eigenen Bewegung trennen kann.

In einer eigenen Welt

Dass der FC St.Gallen in sportlich anspruchsvollen und pandemietechnisch höchst unsicheren Zeiten Nägel mit Köpfen macht, ist schon aussergewöhnlich genug. Dass die Mannschaft darüber hinaus aber auch weiterhin so erfolgreich ist, macht diese Romanze perfekt.

In der rauen See des professionellen Fussballs schwimmen die Espen auf ihre Weise, sie leben in ihrer eigenen Welt. Gerade jetzt, wo sich der Fussball mit Transfersummen im dreistelligen Millionenbereich von seiner Basis zu entfernen droht, braucht es Clubs wie den FC St.Gallen, die für Werte wie Bodenhaftung, Zusammenhalt und Leidenschaft einstehen und diese leben.

Fünf Spiele bleiben zu absolvieren und noch immer steht diese vermeintlich zusammengewürfelte, aus Nonames und Gescheiterten bestehende Truppe, die vor der Saison kaum einer kannte, an der Tabellenspitze der Super League. Wenn die Espen den Leaderthron bis zum 3. August verteidigen und den dritten Meistertitel in ihrer Club-Geschichte feiern sollten, wird aus diesem kitschigen Drehbuch tatsächlich ein Märchen.

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