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Die Gussform des Meisterspielers

Spitzguuge
Wer Spiele wie jenes in Neuenburg gewinnt, ist ein ganz heisser Kandidat auf den Meistertitel. «Viele Spieler wachsen gerade in die Gussform des Meisterspielers hinein», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber und erklärt, weshalb Betim Fazliji Stammspieler sein und Angelo Campos eine Chance erhalten sollte.
Publiziert am Do 2. Jul 2020 10:00 Uhr
© Urs Bucher/St.Galler Tagblatt/Archiv
- Betim Fazliji ist in St.Gallen nicht mehr wegzudenken.

Es war ein ganz hartes Stück Arbeit am Mittwochabend in der Maladière. Trotz Rückstand gewannen kämpferische Espen das Spiel bei Xamax mit 2:1 (1:1) und bauten damit die Tabellenführung auf Meister YB auf zwei Punkte aus. Wer solche Spiele gewinnt, kann Meister werden. Konkurrenz hin oder her.

Was gestern besonders auffiel: Viele Spieler wachsen derzeit über sich hinaus. Allen voran Leonidas Stergiou (18). Er ist Abwehrboss, nun auch Super-League-Torschütze, und doch erst Teenager. Sein 1:1-Ausgleich gegen aufsässige Xamaxien fiel – 91 Sekunden nachdem der FC St.Gallen in Rückstand geraten war – nicht nur zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt, der Wattwiler war auch das wichtigste Argument, um den starken Neuenburger Stürmer Diafra Sakho in Schach zu halten.

Auch wenn sein Tor die benötigt schnelle Antwort auf den Rückstand war, so hatten Stergious Verteidigungsaktionen doch grösseren Anteil daran, dass die Mannschaft von Peter Zeidler die drei Punkte aus Neuenburg mitnehmen konnte.

Fazliji verdient einen Stammplatz

Zudem erfreulich aus Sicht der Espen: Es gibt derzeit sehr viele Stergious. Also junge Spieler, die gerade im Begriff sind, in die Gussform des Meisterspielers hineinzuwachsen. Miro Muheim (22) ist so einer: Spielt er so weiter, wird Nationaltrainer Vladimir Petkovic früher oder später keinen Weg an ihm vorbei finden. Oder Jérémy Guillemenot, dessen Power und Spielintelligenz gestern Abend massgebenden Anteil an Ittens Siegtor hatten (60.).

Der 22-jährige Genfer hatte in seiner noch jungen Saison schon manchen Rückschlag wegstecken müssen. In der aktuellen Verfassung macht er jedoch nicht nur Boris Babic (Kreuzbandriss) vergessen, er verleiht der St.Galler Offensive auch jenes unberechenbare Element, das ihr Cedric Itten und Ermedin Demirović nicht in jedem Spiel im Alleingang bescheren können.

Und dann ist da noch Betim Fazliji (21). In Clubikone Tranquillo Barnetta hatte der Rebsteiner schon früh einen Fürsprecher, in der aktuellen Situation überzeugt Fazliji zudem auf jedweder ihm anvertrauten Position mit einer Ruhe und Abgebrühtheit, die seinesgleichen sucht. Abgesehen von seinem noch jungen Alter geht oft vergessen, dass Fazliji in dieser Spielzeit Lückenbüsser ist und nur dann zum Einsatz kommt, wenn andere fehlen.

Dabei hat er nur allzu oft bewiesen, dass er einen Stammplatz verdient hätte. Auch wenn das für andere Spieler eine bittere Pille wäre.

Chance für Campos?

Bitter ist der Saisonverlauf bislang für Angelo Campos (20). Der in Chur aufgewachsene Portugiese wartet seit Ende August (!) auf einen Einsatz, derweil seine direkten Konkurrenten Axel Bakayoko und André Ribeiro in den letzten acht respektive sechs Partien immer eingewechselt wurden. Die beiden waren Anfang Februar zwar massgeblich am späten Siegtor in Basel beteiligt (2:1), ansonsten aber agierten sie in den letzten Partien – besonders gestern bei Xamax – eher glücklos und kreierten kaum Torgefahr.

Insofern wäre es nachvollziehbar, wenn Campos schon am Sonntag gegen Sion eine weitere Chance erhalten würde. Mit seinem Tempo und seiner Robustheit hätte der einstige Schweizer U16-Internationale das Zeug dazu, die St.Galler Offensive zu beleben.

YB ist verwundbar

Auch ohne Campos reichte es gestern Abend in der Maladière aber für die drei Punkte. Und das war ein ganz wichtiges Signal, zumal es die jungen Wilden von Peter Zeidler diesmal nicht verpassten, von einem YB-Ausrutscher zu profitieren. Der Noch-Meister, das zeigten die letzten Wochen deutlich, ist durchaus verwundbar. Und allmählich dürfte auch innerhalb des FC St.Gallen die Bewusstheit gereift sein, dass der Titelgewinn möglich ist.

Bis zum 2. August stehen allerdings noch neun ganz schwierige Spiele an. Auch ein Alessandro Kräuchi (22), der gestern Captain Silvan Hefti (angeschlagen) ersetzte, oder ein Tim Staubli (20), der am Sonntag gegen Thun (3:2) sein Startelf-Debüt in der Super League feierte, könnten in dieser Zeit noch über sich hinauswachsen.

Und das ist gut so. Denn Peter Zeidler wird in den kommenden vier Wochen auf jeden erdenklichen Akteur angewiesen sein. Aber: Der FC Basel ist bereits zurückgebunden, auch YB nicht über alle Zweifel erhaben. Und wenn jetzt noch weitere Spieler in die Gussform des Meisterspielers hineinwachsen, wird die Tabellenführung nicht nur eine Momentaufnahme sein – sondern in den Herzen der Fans über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, Bestand haben.

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