SportFCSGDer FCSG darf AEK nicht zaubern lassen

Der FCSG darf AEK nicht zaubern lassen

Spitzguuge
In der dritten Runde der Europa-League-Qualifikation trifft der FC St.Gallen heute Abend auf AEK Athen. Sportjournalist Dominic Ledergerber hat sich über den Gegner der Espen erkundigt und schreibt: «Um die Griechen zu knacken, muss der FCSG über sich hinauswachsen.»
Publiziert am Do 24. Sep 2020 07:57 Uhr
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- aek athen

Wenn der FC St.Gallen heute Abend (ab 20.30 Uhr live auf FM1Today) den griechischen Traditions-Club AEK Athen empfängt, treffen zwei Welten aufeinander. Hier die Espen, die jeden Rappen dreimal umdrehen, mit einem Budget von nicht einmal acht Millionen Schweizer Franken vor- und umsichtig wirtschaften, welche die Transfererlöse nicht gleich wieder verpulvern, sondern nur Bruchteile davon behutsam in neue Talente investieren.

Und da AEK Athen, zwölffacher griechischer Meister und finanziell nicht selten auf Irrwegen unterwegs. 2004 – im Jahr des sensationellen Europameistertitels unter Otto Rehagel ­– betrug der Schuldenberg der Gelb-Schwarzen unheimliche 165 Millionen Euro. Dem Konkurs entging AEK damals nur, weil der Club einen Gesetzesartikel zur Modernisierung von Aktiengesellschaften zu seinen Gunsten nutzte und schlussendlich nur fünf Prozent seiner Schulden begleichen musste.

Fünf Jahre zwischen Hölle und Himmel

Gelernt hatten die Verantwortlichen aus dieser Geschichte aber herzlich wenig. 2013 war der Club erstmals sportlich abgestiegen und stand erneut mit 40 Millionen Euro in der Kreide. AEK Athen musste Insolvenz anmelden und – statt in der zweiten – in der dritten Liga neu beginnen.

In diesen düsteren Zeiten schlug die Stunde des milliardenschweren Öl-Förderers Dimitris Melissanidis, der AEK Athen aufkaufte, aus der Schuldenhölle führte und schon fünf Jahre später in den Fussballhimmel katapultierte: 2018 wurde der Club aus der Hauptstadt zum zwölften und bis heute letzten Mal griechischer Meister und nahm zudem an der Gruppenphase der Champions League teil.

Die vergangene Saison beendete AEK zwar abgeschlagen hinter Olympiakos Piräus und knapp hinter PAOK auf Platz drei. Dennoch gibt es Anzeichen, dass St.Gallens Europa-League-Gegner die Lücke zur nationalen Konkurrenz bald wieder schliessen könnte.

Trainer lernte von Antonio Conte

Seit Mitte Dezember 2019 schwingt an der Seitenlinie Massimo Carrera (56) das Zepter. Der einstige Innenverteidiger war 1996 beim bis dato letzten Champions-League-Titel von Juventus Turin dabei. Als Trainer hat er sich seine Sporen unter Antonio Conte abverdient, zu dessen Staff er sowohl bei der Alten Dame als auch im italienischen Nationalteam zählte.

Vom heutigen Inter-Trainer Conte hat Carrera einiges abgeschaut: So setzt auch er auf eine Dreierkette in der Verteidigung und lässt seine Spieler kämpfen, laufen und gegenpressen bis zum Umfallen. Davon zeugen nicht zuletzt die sechs (!) Verwarnungen gegen AEK-Spieler zum Saisonauftakt am Samstag (2:0-Auswärtssieg über Panetolikos).

Routinierte Offensive

Wenn heute die Espen und AEK Athen um den Einzug in die Europa-League-Playoffs spielen, wird ausgerechnet die junge Verteidigung um St.Gallens Griechen Leonidas Stergiou (18) im Zentrum stehen. Denn das Prunkstück im Athener 3-5-2-System sind die erfahrenen Schlüsselspieler in der Offensive: Spielmacher Marko Livaja (27-jährig, Ex-Inter), Goalgetter Nélson Oliveira (29, Ex-Benfica) und der langjährige Captain Petros Mantalos (29) sind in der Lage, gegnerische Defensivreihen zu zermürben und schwindlig zu spielen. Wenn der FCSG heute eine Chance haben will, dann darf er diese Griechen nicht zaubern lassen. Und auch keine Standard-Situationen zulassen: Am Samstag nutzte Livaja einen Eckball zum ersten Tor der Saison.

Anfällig ist AEK Athen hingegen auf Konterfussball. Es wird Peter Zeidlers Herkules-Aufgabe sein, die richtige Mischung zwischen solider Verteidigung und pfeilschnellen Gegenstössen zu finden.

AEK in Schweizer Stadien sieglos

Unter dem Strich ist ohnehin klar: Der FC St.Gallen muss heute Abend im Kybunpark über sich hinauswachsen, um AEK Athen zu bezwingen. Für die Griechen wird es das dritte Duell gegen einen Schweizer Vertreter sein. 1995 schalteten die Gelb-Schwarzen den FC Sion in der 1. Runde des Cupsieger-Cups aus, 2003 triumphierten sie auch in der Champions-League-Qualifikation über Marcel Kollers Grasshoppers.

Aber: Weder aus dem Wallis (2:2-Unentschieden) noch aus dem Hardturm-Stadion (0:1-Niederlage) nahmen die Athener damals einen Sieg mit, was bedeutet, dass AEK in Schweizer Stadien noch sieglos ist.

Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es in der Europa-League-Qualifikation kein Rückspiel, das Heimrecht wurde den Espen zugelost. Der FC St.Gallen muss also nicht nach Athen reisen, sondern kann in dem einen Spiel im eigenen Stadion alles klar machen. Für die Mannschaft von Peter Zeidler könnte dieser kleine Vorteil entscheidend sein.

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