CoronavirusFCSG-Görtler: «Lieber Geisterspiele als gar keine»

FCSG-Görtler: «Lieber Geisterspiele als gar keine»

Spitzguuge
Der Shutdown ist auch für die Spieler des FC St.Gallen eine Belastungsprobe. Lukas Görtler (25) über Glücksmomente, Gruppenchats und Geisterspiele.
Publiziert am Di 7. Apr 2020 05:37 Uhr
© St.Galler Tagblatt/Urs Bucher
- görtler

Es klingt wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Am 23. Februar, unmittelbar nach dem Schlusspfiff des Spiels gegen YB (3:3), schreitet ein sichtlich angefressener Lukas Görtler zum Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Er, der im verrückten Spitzenspiel gegen die Berner zwei Tore aufgelegt und eines erzielt hat, sagt: «Wenn man ganz am Ende auf diese Weise noch ein Tor kassiert, fragt man sich schon: Ist das noch der Fussball, den du liebst?»

Worte, die zwar noch kurz nachhallen, dann aber fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Denn nach diesem 3:3-Spektakel im ausverkauften Kybunpark kommt der Fussball in der Schweiz komplett zum erliegen, andere Länder ziehen bald nach.

Und heute? Heute weiss keiner so richtig, wann und ob überhaupt die Saison zu Ende gespielt werden kann. Eine Belastungsprobe nicht nur für die Fans, sondern auch für die Spieler selber.

Lukas Görtler, am 23. Februar nach dem YB-Spiel haben Sie sich zuletzt öffentlich geäussert. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an jenen Sonntag zurückdenken?
Es ist schon verrückt, wenn man sich wieder vor Augen führt, wie dieses Spiel damals ausging. Ich realisierte erst mit der Zeit, dass das 3:3 gegen YB für lange Zeit unser letztes Spiel sein sollte.

Die ganze Schweiz wartet derzeit auf den Entscheid der Swiss Football League, wie es weitergehen soll. Belastet diese Ungewissheit?
Ja, die Ungewissheit ist das schwierigste an dieser Situation, zumal wir uns auf nichts einstellen können. Das wirft Fragen auf wie: Wie soll ich trainieren? Soll ich topfit bleiben? Oder soll ich runterfahren, weil es möglicherweise die einzige Sommerpause ist? Auch mental ist es schwierig, uns fehlt ein fixes Datum, an dem wir uns orientieren können.

Was erhoffen Sie sich in Bezug auf diese Saison?
Ich hoffe, dass wir die Saison zu Ende spielen können, auch wenn es aktuell eher unrealistisch scheint, dass wir noch einmal vor Publikum spielen können. Aber lieber Geisterspiele als gar keine. Ich wünsche mir, dass bald etwas Konkretes auf den Tisch kommt, dass man sagt: An jenem Wochenende spielen wir wieder, auch wenn man dieses Datum dann noch einmal nach hinten verschieben müsste. Das würde uns allen Ruhe geben.

Am 16. März wurde für die Schweiz der Lockdown beschlossen, wie verbringen Sie seither Ihre Tage?
Mit meiner Freundin bin ich oft bei uns zu Hause in Niederteufen oder in der Natur. Dazu jogge ich, wenn ich Lust dazu habe, trainiere besonders im Kraftbereich und fahre auf dem Rennrad durch das Appenzellerland. Ansonsten pflege ich kaum soziale Kontakte, ausser via Whatsapp, wo meine Mitspieler und ich ja auch einen Gruppenchat haben.

Wie oft tauschen Sie sich mit Ihren Mitspielern aus?
Man hört immer mal wieder was, aber auch dieser Kontakt ist stark eingeschränkt. Wir haben einen Zusammenhalt, wie ich ihn selten erlebt habe. Ich vermisse es, mich mit den Jungs zu unterhalten, mit ihnen im Stadion zu sein.

Sie sitzen im inoffiziellen Mannschafts-Rat, sind mit Ihren bald 26 Jahren ein Routinier in einer blutjungen Mannschaft. Gibt es Teamkollegen, die Ihren Rat suchen?
Nun, in jeder Mannschaft gibt es 26 unterschiedliche Charaktere, jeder analysiert die Situation für sich und schätzt sie ganz unterschiedlich ein. Anfangs fand ich es nicht so schlimm, die anderen Spieler nicht zu sehen, aber jetzt, nach einigen Wochen...

Sie klingen niedergeschlagen.
Jetzt, wo das Wetter besser wird, komme ich schon wieder aus meinem Tief heraus (lacht). Als Fussballer nervt es dich einfach, wenn du nicht das machen kannst, was du liebst. Aber keine Angst, wir sind alle noch nicht am verzweifeln und ich persönlich blase kein Trübsal, weil ich weiss, was ich mit meiner Zeit anfangen kann.

Was haben Sie Neues über sich herausgefunden?
Ich honoriere die Dinge mehr, die wir im «normalen» Leben haben, wie etwa soziale Kontakte und viele weitere Privilegien, die wir besonders in der westlichen Welt geniessen. Das begreift man erst jetzt, wenn man sie nicht hat, sich nicht frei bewegen kann. Ich hoffe schon, dass diese Einsicht bei den Menschen die jetzige Krise überdauert und sie glücklicher werden, weil sie diese Privilegien besser einordnen und an einfachen Dingen Freude haben können.

Sie gelten innerhalb des FC St.Gallen als belesen. Wie hiess Ihr letztes Buch?
Ich lese gerade «Flow – das Geheimnis des Glücks» von Mihály Csíkszentmihályi. Er ist ein Glücksforscher, der zigtausend Menschen untersuchte und herausfand, dass es hauptsächlich die «Flow»-Momente sind, welche die Menschen glücklich machen und dass es sich lohnt, danach zu streben. Ein Beispiel: Ein Bergsteiger geniesst nicht den sechsstündigen Aufstieg, sondern den Moment, wenn er oben angekommen ist. Das Streben nach diesen Momenten ist das wichtigste im Leben.

Wann hatten Sie Ihren letzten «Flow»-Moment?
Den letzten solchen Moment hatte ich, als ich kürzlich mit dem Mountainbike unterwegs war. Und ich hoffe, dass wir bald auch wieder im Fussballstadion solche «Flow»-Momente erzeugen können. Fussball ist zwar nicht überlebenswichtig, trotzdem bin ich davon überzeugt, dass die Gesellschaft ihn braucht.

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